Grossmütterchen! Erzählst du mir eine Geschichte?

 
Ach Bub, es ist doch schon viel zu spät. Sieh doch, die Sonne legt sich schon schlafen!
 
Doch als der kleine Junge sie mit grossen Augen ansieht, kann die alte Zigeunerin nicht anders, als ihm seinen Wunsch zu erfüllen.
Na gut, aber nur eine. Davor musst du dich aber für‘s Bett fertig machen.
 
Hastig räumt der Junge seine wenigen Habseligkeiten zusammen, zieht sich um und macht seine Schlafstätte bereit. Als er sich niederlegt tritt seine Grossmutter an sein Bett und fragt ihn:
Nun, Bürschlein, was willst du hören? Die Geschichte von Ivan und seinen Kartoffeln?
 
Der Junge schüttelt den Kopf.
 
Wie wäre es mit der Braut des Prinzen? Oder doch lieber das Märchen über Baba Jaga oder Väterchen Frost? Oder soll ich dir die Operette vom letzten Stammestreffen wiedergeben?
 
Doch der Kleine hat diese Geschichten schon oft genug gehört. Er lechzt nach etwas älterem, etwas sagenumwobenem!
Grossmütterchen, erzähl mir doch bitte vom Zigeunerkönig. Vetterchen Jorska sagte heute, dass er so stark sei wie zehn Bären. Stimmt das?
 
Über die Leichtgläubigkeit des Jungen muss die ate Zigeunerin lächeln. Nein, mein Junge. Er ist stark, weil er der Anführer unseres Volkes ist, aber so stark nun auch wieder nicht. Da hat dir Jorska wohl einen kleinen Bären aufgebunden!
 
Mit leichter Zornesröte über seine eigene Einfältigkeit und etwas Enttäuschung sackt der Junge zusammen und will schon der Grossmutter seinen Rücken zudrehen, als sie sanft weiterspricht:
Weisst du, niemand weiss wirklich, wie stark er ist. Die Königsfamilie ist schon seit langem verschwunden und keiner weiss so recht, ob es überhaupt noch Nachkommen gibt. Was wir aber wissen, ist das man jene Familie auserkoren hat, uns in schlimmen Zeiten zu warnen und zu führen. Und sollten solche Zeiten auf uns zukommen, werden sich ihre Mitglieder zu erkennen geben.
 
Wie meinst du das?
 
Na ja, es heisst die Nachkommen tragen alle ein Muttermal in Form einer Krone. An diesem kann man erkennen, ob jemand ein Nachfolger des ersten Zigeunerkönigs ist.
 
Die Augen des Jungen weiten sich abermals: Und wer war der erste Zigeunerkönig? Wie war er so? Stark, tapfer und lustig, wie Jorska? Oder eher verschlagen und geheimnisvoll wie Malevos?
 
Weder noch und ein wenig von beidem. Lass mich dir die Sage vom ersten Zigeunerkönig erzählen:
 
Vor langer Zeit, als die Welt erschaffen wurde, waren alle Menschen gleich und der Zigeunerkönig war der Vater aller Zigeuner. Doch bald bevölkerten sie die ganze Welt und assen und tranken so viel, dass nichts mehr für die anderen Menschen übrig blieb.
Daher wurden alle Menschen zusammengerufen und es wurden ihnen spezielle Gaben gegeben:
Dem Klerus gab man den Wunsch mit, Glaube in jeglicher Form zu verbreiten.
Den Magiern das Verlangen neue Kräfte zu entdecken und entfalten.
Den Herrschern, den Königen, und den Ordnungshütern aber gab man einen unbeugsamen Willen, den Durst nach Macht, und den Wunsch die Kinder des Zigeunerkönigs bändigen zu wollen.
 
Als der Zigeunerkönig dies hörte, fürchtete er sich und versuchte sich zu verstecken. Doch man sprach zu ihm: „Dein Volk kann die Welt nicht regieren, da wir es nicht so haben wollen. Die ganze Welt wird Dein Feind sein, Fürst mit tausendfachen Feinden, und wann immer sie dich fangen, werden sie dich töten. Aber zuerst müssen sie dich fangen, Gauner, Trinker, Lebemann, Fürst der schnellen Warnung. Sei schlau und voller List, und dein Volk wird niemals vernichtet werden.“
 
Und so, mein Junge, kam es, dass wir durch die Welt ziehen. Immer auf der Suche nach neuen guten Geschäften, sicheren Lagerplätzen, lustigen Abenteuern und heiterer Gesellschaft. Und sollte es uns mal nicht gut gehen, sollten sich die Völker dieser Erde gegen uns vereinen, wird der Zigeunerkönig erscheinen und uns führen.
 
Aber woher wird er wissen, dass wir in Gefahr sind? Und wie soll er erscheinen, wenn es doch eine ganze Familie ist? Sollte da nicht schon jemand sein, welcher der König ist?
 
Die Fragen des Jungen sind gut, denkt sich die alte Frau voller stolz. Er wird ein kluger Mann werden, wenn er so weiter macht.
Du hast recht Junge, ein Nachkomme lebt bereits. Deswegen muss sein Erscheinen nicht zwingend ein böses Omen sein. Doch die Mitglieder dieser Familie wurden von den Ahnen besonders geehrt. Sie gaben ihnen die Kraft, besondere Ereignisse vor ihrem Geschehen sehen zu können. Dadurch sind sie in der Lage, Schlimmes zu verhindern und unser Volk zu schützen. In der Zwischenzeit ziehen sie wie wir durch die Welt und leben ihr Leben. Sollten wir einmal Glück haben, treffen wir auf ein Familienmitglied und dürfen ihn als unseren Gast willkommen heissen…
 
Wohnt er denn nicht in einem Schloss? Sollten nicht wir ihn besuchen?

 

Bürschlein, du hast mir nicht zugehört. Er ist wie wir ein Zigeuner. Wir haben kein festes Zuhause, sondern Leben und Lachen dort, wo wir gerade sind. Entsprechend besitzt er auch kein Schloss. Darum hat er bei uns Zigeunern ein sakrosanktes Gastrecht.

Mit von Schlaf schweren Augenlidern säuselt der Junge:

Was heisst das? Sakrosankt?

Es heisst, dass es für uns eine Ehre, nein sogar die höchste Ehre ist, ihn als unseren Gast willkommen heissen zu dürfen. Denn seine Familie ist es, die uns warnen und retten kann, wenn sich die Zeiten zum Schlechten wandeln. Aber nun ist es Zeit für kleine Reiter Schlafen zu gehen. Schliess die Augen und Träume schön!

Mit ruhiger Stimme flüstert das Grossmütterchen ihre letzten Worte, und fängt leise an ein Wiegenlied zu summen. Denn sie weiss, dass der Junge heute Nacht vom Zigeunerkönig träumen wird….